Die fünf Länder
Diese Geschichte erzählt von einer Entdeckungsreise in die Fünf Elemente der taoistischen Philosophie: Holz, Feuer, Erde, Metall, Wasser. Mit der Reise durch diese fünf Landschaften können wir unsere inneren Räume erfahren.
Leseprobe:
"In einem Tal entdeckte ich ein Dorf, dessen Häuser kreisförmig angeordnet waren. Ein Wegweiser nannte mir den Namen dieses Landstrichs: „Tal der Goldenen Mitte“. Eine Weile blickte ich - ganz versonnen auf meinen Wanderstock gestützt - auf diesen friedlichen Ort hinab, als ein Bauer neben mir auftauchte und mich ansprach. In seinem Arm ruhte eine kleine Katze, die er offenbar am Wegrand gefunden hatte. Sie war an der Pfote verletzt und der Bauer bat mich, sie zu halten, damit er die blutende Wunde versorgen konnte. Das Tier hielt ungewöhnlich still, während der Bauer die Verletzung behutsam säuberte und mit einem Fetzen verband, den er aus der Tasche zog. Er hatte eine liebevolle Ausstrahlung, die auch mir Vertrauen einflößte. Die kleine Katze wollte sich dann auch gar nicht von ihm trennen. Wie ein kleiner Hund lief sie uns hinterher, als wir gemeinsam hinunter ins Dorf gingen. Der Bauer schlug vor, dass ich ihn zu seinem Haus begleite, und als wir dort ankamen, lud er mich zum Abendessen ein.

Er bewohnte ein gemütliches mit Efeu bewachsenes Natursteinhaus
mit runden Fenstern und einem mit Stroh gedeckten Dach. In seinem üppigen
Garten gab es überall farbenfrohe Blumen. Auf sorgfältig gepflegten
Beeten wuchsen saftig-gesundes Gemüse und frische Kräuter.
Auf einer großen Wiese spielten Kinder. Als sie uns kommen sahen,
liefen sie auf uns zu, umarmten ihren lieben Papa und begrüßten
auch mich wie jemanden, den sie schon lange kannten. Aber dann wandten
sich gleich dem kleinen Kätzchen zu, das uns bis hierher gefolgt
war. Sie drückten es zärtlich und streichelten es und schon
kam eines der Kinder mit einer Tasse verdünnter Milch herbeigeeilt.
Schließlich gingen wir alle ins Haus.
Das größte Zimmer war die gemütliche Küche. Dort
war die Frau des Bauern am Herd beschäftigt. Der freundliche Mann
stellte mich vor, und als die Bäuerin mich herzlich begrüßte,
fiel mir der sanfte, singende Unterton in ihrer Stimme auf, der mir
sofort ein Gefühl von Geborgenheit gab. Sie war eine mütterliche
Frau mittleren Alters mit weiblichen Rundungen und einem weichen, zufriedenen
Gesicht. Der große Esstisch in der Küche war bereits für
das Abendbrot gedeckt, während die Bäuerin noch mit ruhiger
Hand die Speisen mit den verschiedensten Kräutern und Zutaten würzte
und ein wunderbares Mahl zubereitete. Dabei hörte sie aufmerksam
zu, was die Kinder von dem Kätzchen erzählten, erkundigte
sich nach meiner Reise und blieb bei alledem ganz bei sich. Ihre harmonischen
Bewegungen kamen aus ihrer Mitte und waren fließend und weich.
Es dauerte nicht lange, da war der Tisch mit vielerlei dampfenden Leckerein gefüllt und wir nahmen rings herum Platz. Das Essen war köstlich. Jeder Bissen war ein Genuss. Die Speisen schmeichelten nicht nur meinem hungrigen Magen, sie nährten auch meine Seele. Ich hatte ein Gefühl von Heimat, eine Ahnung, endlich zuhause angekommen zu sein ...