Die zwölf Hausbewohner

Schon vor Tausenden von Jahren verglichen die Chinesen den menschlichen Organismus mit einem Hofstaat, in dem die einzelnen Organe – die Minister und Würdenträger – spezifische Aufgaben und Fähigkeiten hatten. Die Kraft oder Schwäche von einem oder mehreren Organen beeinflusst nicht nur unser körperliches Wohlbefinden, sondern prägt auch unser Verhalten, unsere Persönlichkeit und unseren geistig-seelischen Zustand.
In unserer Bilder-Geschichte entsprechen die zwölf Hausbewohner den zwölf inneren Organen. Sie beschreibt die lebendige Wohngemeinschaft von Körper-Geist-Seele und handelt von ganz normalen Menschen, von Küche und Essen, Wohnstube und Schlafzimmer ... kurz: vom Leben.

Leseprobe:

„Der Bereich von Magen und Milz war im Zentrum des Erdgeschosses. Rechts davon lag ein großes, ungewöhnlich geschnittenes Atelier. Es war in einem frischen Grün gestrichen und ausgesprochen originell eingerichtet. Ich erkannte sofort, dass hier ein freier Geist lebte, der das kreative Chaos liebte. Es war Leber, der hier neben Gallenblase wohnte. Leber war ein drahtiger junger Mann. Er stand an einem Zeichentisch und entwarf gerade ein utopisch wirkendes, großartiges Gebäude. Um ihn herum standen viele sonderbare Geräte und Apparaturen. Leber war sowohl ein genialer Erfinder voller kreativer Ideen, als auch ein Abenteurer, der sich immer wieder auf ausgedehnte Reisen in ferne Länder begab. Seine Augen leuchteten, als er mir seine neueste Erfindung erklärte. Dann kamen ihm aber schon neue Ideen und er hatte es eilig, mich an seinen Freund Gallenblase weiterzuleiten, der sich in einer Werkstatt nebenan zu schaffen machte.

Galle war ein kräftiger Kerl mit breiten Schultern. Er half Leber bei der praktischen Umsetzung seiner Erfindungen, soweit er sie für nützlich und praktisch hielt. Kam ihm ein Plan von Leber untauglich und allzu abgehoben vor, sagte er ihm klar und deutlich seine Meinung. In dieser Weise sprach er mit jedem: direkt, ehrlich und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. So hatte er schon manch einen vor den Kopf gestoßen und in bestimmten Kreisen war er nicht besonders beliebt, was ihm allerdings nichts ausmachte. Ihm war es wichtiger, zu sich und seiner Wahrheit zu stehen, anstatt es anderen einfach nur recht zu machen und womöglich auch noch Kompromisse einzugehen.
Milz und Magen, die ein harmonisches Miteinander liebten, hatten am Anfang ihre Schwierigkeiten mit Galle. Inzwischen hatten sie sich aber an ihn gewöhnt und akzeptierten ihn als wichtiges Mitglied der Gemeinschaft. Dazu hatte auch der Umbau des Hauses beigetragen, der von Leber geplant und unter der Leitung von Gallenblase verwirklicht wurde. Die Pläne waren auf geniale Weise durchdacht. Jeder Bewohner bekam genau den Platz, den er zum Leben brauchte. Und was Galle einmal in die Hand nahm, das klappte auch.“